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Weist man Sprachtrainern die Türe, kommen sie durchs Fenster wieder herein

Weist man Sprachtrainern die Türe, kommen sie durchs Fenster wieder herein

 

Kann man eine Sprache ohne einen Trainer lernen?

Beginnen wir mit einer oft übersehenen Tatsache: Wir alle sprechen unsere eigene Muttersprache (fast) perfekt. Allerdings haben wir uns diese Sprache als Kinder nicht selbst beigebracht. Wir hatten nicht nur einen, sondern gleich mehrere Lehrer: Eltern, Verwandte und Freunde waren während unseres Lernprozesses ständig an unserer Seite. Sie ermutigten uns, hörten uns geduldig zu, ließen uns sprechen, lasen uns Geschichten vor, sangen Lieder mit uns und verbesserten Tag für Tag unsere Fehler.

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass man sich eine Sprache selbst beibringen kann, indem man die entsprechende Begeisterung für ein Land hegt und jeden Tag übt, so haben doch nur Wenige tatsächlich die Chance dazu. Sie brauchen einen Lehrer.

Die Kernaufgabe eines erfolgreichen, modernen Sprachtrainers, unabhängig davon, ob der Unterricht von Angesicht zu Angesicht oder aus der Ferne stattfindet, wurde in der Tat durch zahlreiche Untersuchungen bestätigt. Eine Studie* der University of Maryland zeigt beispielsweise, dass Nutzer von Sprachanwendungen nach zwölf Wochen beinahe vollständig das Interesse verloren haben, wenn kein Trainer/Lehrer/Coach involviert ist.

Die drei Rollen des Lehrers

Im Gegensatz zum traditionellen französischen Ansatz besteht die Hauptaufgabe des Sprachtrainers nicht darin, eine Sprache zu „lehren“. Eine Sprache kann nicht gelehrt werden. Sie muss gelernt werden.

Der Lehrer (oder Trainer/Coach/Tutor) hat drei Rollen:

  1. Sparringpartner: Gibt Schülern die Möglichkeit, die Zielsprache regelmäßig auf ihrem Niveau zu üben.
  2. Trainer: Gibt Schülern interaktives Feedback, stellt relevante Ausdrücke und Wörter vor und hilft dabei, diese schrittweise zu beherrschen (ohne dabei „Fehler“ zu korrigieren).
  3. Coach: Begleitet Schüler bei ihrem Lernprozess, gibt Ratschläge zum effektiven Lernen und hält die Motivation und das Engagement der Schüler durch konstante Ermutigung hoch.

Ein qualifizierter und erfahrener Sprachtrainer nimmt außerdem die Rolle des pädagogischen Beraters ein. Er analysiert den künftigen Schüler, schätzt sein Sprachniveau und seine Fähigkeiten ein, hilft bei der Festlegung seiner Ziele unter Berücksichtigung aller verfügbaren Mittel und Ressourcen, unterstützt ihn bei der Ausarbeitung eines Lernweges, der genau diese Ziele erreicht, prüft regelmäßig Fortschritte und nimmt gegebenenfalls Änderungen am Lernweg vor, um sicherzustellen, dass alle Ziele erreicht werden.

Die Qualität eines Lehrers ist allerdings nicht intrinsisch. Es gibt gute und schlechte Sprachtrainer. Ein unerfahrener, unmotivierter Lehrer oder schlechter Kommunikator kann einen katastrophalen Einfluss auf den Lernprozess haben.

Technische Probleme, Logistik und administrative Führung überwältigen Trainer

In den 1980er und 1990er Jahren schien all dies offensichtlich. Sprachschulen warben mit der Qualität und den Qualifikationen ihrer Lehrer. In höherrangigen Sprachschulen waren sie die Stars und Kunden scheuten weder Kosten noch Mühe, den Anbieter mit den besten Lehrern ausfindig zu machen.

Mit Beginn der Rationalisierung und Industrialisierung von betrieblichen Bildungssystemen Anfang der 2000er Jahre wurde der Lehrer jedoch allmählich durch technische Anwendungen, administrative Führung und Logistik in den Hintergrund gedrängt.

Die „wundersamen“ technischen Qualitäten neuer digitaler Plattformen – alle stets „innovativer“ als die vorangegangenen – wurden ständig hervorgehoben, während die Ineffizienz, die Kosten und der „veraltete“ Ansatz traditioneller Lehrer konstant angeprangert wurde.

Klingt ungerecht? Es besteht kein Zweifel, dass die Kritik in einigen Fällen gerechtfertigt war.

Glaubwürdigkeitsverlust des traditionellen Lehrers  

Einige Sprachschulen, darunter auch bekannte Namen, stellten in Scharen junge Menschen ohne Qualifikationen oder Erfahrung ein und stellten sie vor Schüler. Dieser Ansatz war preiswert, leicht zu verwalten und weder Schüler noch Käufer schienen besorgt, solange die „Lehrer“ Muttersprachler waren.

Die Industrialisierung von Bildung und der „kostengünstige“ Ansatz wirkten sich negativ auf die Glaubwürdigkeit von Sprachlehrern aus. Infolgedessen verringerte sich ihre Beschäftigungssicherheit und Löhne und Arbeitsbedingungen wurden schnell verschlechtert.

Doch das Kind wurde mit dem Bade ausgeschüttet, denn auch viele hoch qualifizierte Lehrer, die das Talent und die Leidenschaft gehabt hätten, ihre Schüler zu motivieren und ihnen eine Sprache beizubringen, waren betroffen. Angesichts der zunehmenden unzureichenden Anerkennung gaben viele den Beruf auf.

Der missverstandene Begriff des „Selbstlernens“

Um die Entwicklung eines Marktes voranzutreiben, in dem Lehrer nicht länger benötigt werden würden, entstanden in den 80er und 90er Jahren eine Reihe von pädagogischen Theorien, die das Konzept des Selbstlernens unterstützten – ein Ansatz, der behauptete, die Lernerautonomie und Lerneffektivität zu steigern.

Allerdings erkannte die Branche schnell, dass ein „echter“ Trainer, Coach oder Lehrer beim Sprachenlernen unerlässlich ist. Vollständig autonome E-Learning-Kurse waren in den meisten Fällen ein eklatanter Misserfolg mit enttäuschenden Erfolgsquoten.

Nach und nach rückte der Lehrer also wieder ins Rampenlicht – zunächst als Mentor, später als Vermittler für den Teil des Präsenzlernens in Blended-Learning-Programmen.

Weist man Trainern die Türe, kommen sie durchs Fenster wieder herein

Die Tools des Web 2.0 bieten Trainern und Schülern nun ungeahnte Möglichkeiten in Bezug auf Interaktivität, Flexibilität, Follow-up und Integration. Teilweise befreit von mühsamer Korrekturarbeit kann der Trainer sich jetzt besser auf Schüler und ihre Bedürfnisse konzentrieren.

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz ermöglicht es, hoch personalisierte Lernpfade zu erstellen, die sich an die Präferenzen und Fortschritte der Lernenden anpassen können.

Vor allem vereinfachen diese Technologien aber die Integration von Face-to-Face oder virtuellen Interaktionen zwischen den Trainern, Lernenden und pädagogischen Ressourcen und eliminieren dabei jegliche geografischen Grenzen und zeitliche Beschränkungen.

In den 80er Jahren fand Fernunterricht erstmals per Telefon statt. Dieses Marktsegment startete Anfang der 2000er mit der Liberalisierung des europäischen Telekommunikationsmarktes und der erhöhten finanziellen Wettbewerbsfähigkeit durch den Einsatz von Offshore-Trainern in Niedriglohnländern durch.

Heute macht Fernunterricht zwischen einem Viertel und einem Drittel des französischen Marktes für Geschäftssprache aus.

Dank des technologischen Fortschritts sind Telefonkurse allmählich Kursen via Videokonferenz (Skype) gewichen. Trotz bestehender Barrieren verbinden Kurse per Videokonferenz heute die Vorteile des Präsenztrainings (Live-Interaktion mit dem Trainer, zwischenmenschliche Beziehungen, umfassendere Kommunikation als am Telefon, Möglichkeit, Anfängerniveaus zu unterrichten) mit denen des Ferntrainings (einfache Logistik, Rückverfolgbarkeit von Nachrichten, Integration von Ressourcen, zeitliche Flexibilität).

Der Lehrer, dem einst die Türe gewiesen wurde, ist über das Fenster wieder hereingekommen.

Trainer als Internetstars

Aufgrund ihrer wachsenden Präsenz gewinnen Trainer allmählich wieder ihre zentrale Rolle im Lernprozess zurück. Sie motivieren und inspirieren Lernende und entdecken neue, spannendere pädagogische Ansätze in der Welt von YouTube und Social Media.

Und viele sind damit erfolgreich. Christina Rebuffet, eine Amerikanerin, die ursprünglich Lehrerin in Grenoble war, ist heute ein YouTube-Star mit fast 400.000 Abonnenten auf ihrem Kanal „Speak English with Christina“. Ihre Videos haben Millionen von Klicks. Ideen für neue Projekte sprudeln nur so aus ihr heraus – sie entwickelt Blended-Learning-Kurse, die auf ihren Videos basieren, und beschäftigt hervorragende Trainer, um der gewaltigen Nachfrage nachzukommen.

Gleiches gilt für Jason R. Levine, besser bekannt als „Fluency MC“, der einen Rap-basierten Ansatz zum Erlernen von Sprachstrukturen und Vokabular entwickelt hat. Dieser phänomenale Erfolg hat ihn nicht nur auf Bühnen, sondern auch in Klassenräume, Videos und zu Skype katapultiert.

Diese beiden Beispiele zeigen, dass Trainer dank der Möglichkeiten, die ihnen Videokonferenzen geboten haben, ihren Platz im Zentrum des Lernprozesses zurückgewinnen können. Dennoch müssen sie dafür gut ausgebildet sein, da dieser Ansatz eine völlig andere Art der Pädagogik als die im traditionellen Klassenzimmer erfordert. Die dafür erwartete Qualität und Professionalität sind deutlich höher.

Der Autor – Andrew Wickham

Andrew Wickham ist Spezialist im Bereich Sprachtraining und Experte für den Bildungsmarkt in Frankreich. Er war bereits als Sprachtrainer und Studiendirektor tätig, leitete seine eigene Sprachschule und war Manager für Sprachtrainings beim multinationalen Konzern TOTAL. Seit der Veröffentlichung dreier Editionen seiner Studie „The language training market in the era of globalization“ arbeitet er als unabhängiger Berater und unterstützt Sprachschulen, informiert die Branche über die neuesten Trends im Magazin „Market Watch“ und berät Unternehmen bei der Gestaltung ihres Sprachlernangebots.

*Katharine B. Nielson, „Self-study with Language Learning Software“, Language Learning & Technology, Volume 15, Number 3, October 2011, pp. 110-129.

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